Eine Prinzessin zu finden

Autor: Tobias P. Eser
Sonntag, 04 Dezember 2011

  • Er berührte Äonen und streifte die Geheimnisse der Zeit, als sie an ihm vorüberzogen. Er wusste, dass er seinen Körper, seine Vergangenheit, sein Leben hinter sich gelassen hatte. Wie durch kleine Löcher in einem schwarzen Leichentuch schien schwaches Licht von unten zu ihm herauf. Von irgendwo hörte er eine vertraute Stimme. Noch nicht...

    Er lebt! Sie schreckte aus ihrem Traum hoch. Das Licht des Mondes fiel fahl durch das Blätterdach ihrer Wohnstatt. Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie streifte die Decke aus weichem Moos beiseite und machte einen Schritt über das warme Holz in Richtung Fensteröffnung. Irgendwo in der Ferne der Nacht hörte sie den klagenden Ruf eines Greifvogels. Ihre langjährige Vertraute stellte sich neben sie und umarmte sie. „Warum schläfst Du nicht, Feya?". Sie blickte ihr tief in die Augen und konnte ihre alte Trauer und Verzweiflung sehen. Aber auch neue Hoffnung in einer ewigen Geschichte.

    „Er lebt, Fe Win'dha. Aber er leidet Qualen." Sagte sie, während sie versuchte, den Greifvogel in der Dunkelheit auszumachen. „Ich habe das auch geträumt" erwiderte ihre Vertraute. „Er ist auf dem Weg hier her. Doch nimmt er keinen direkten Weg. Sein Weg führt ihn durch Dunkelheit und Tod. Wenn er wieder das ist, was er hätte sein sollen, wird er hierher zurückfinden. Zurück zu Dir, Feya. Und dann werdet ihr wieder Ama sein."

    „Doch wird es so sein, wie es war?". Tränen standen in ihren Augen. „Es ist schon so lange her. Mehr als zwanzig Sommer warte ich schon auf ihn. Wird er sich erinnern?"

    Niria sah sie lange an. „Er wird sich erinnern. Wenn Menschen Geschichten sind, in Büchern geschrieben von Kaninchen."

    „Liebster Heldar,

    wenn Du diesen Brief liest, sind wir von unserer Reise noch nicht zurück. Als wir in Punin aufgebrochen sind ging es Dir noch gut und in den laufenden Tagen bekamst du das Schlachtfieber. Aus diesem Grund haben wir Dich in Gareth in gute Hände gegeben. So verlieren wir für den Moment noch einen Gefährten, ist doch Lodrik bereits in Punin bei Selindian Hal geblieben.

    Der Rest von uns ist aufgebrochen um unsere Mission zu erfüllen. Da ich nicht weiß, woran du dich noch erinnerst, werde ich Dir noch kurz Berichten was auf dem Weg nach Gareth passiert ist.

    Wir sind bis zu den Schlachtfeldern bei Silkwiesen vor Gareth gut vorangekommen. Als wir dort übernachteten, wollten Kubax und ich noch nicht schlafen, also setzen wir uns mit einem Wein vor die Taverne. Kubax erzählte mir von Avalarion und Magnus, vom Orkensturm und der leuchtenden Kugel, die Avalarion zauberte, damit die Truppen den Kaisersohn retten konnten. Just so eine Kugel erschien auf einmal bei der Dämonenbrache.

    Kubax musste sofort an Reo denken und ging direkt Richtung Dämonenbrache in die Sümpfe hinein. Ich zögerte noch ein bisschen, weil ich nicht wusste ob ich ihm folgen oder Baeromar holen sollte. Da Kubax ungehindert weiter lief, folgte ich ihn. In den Sümpfen wusste ich nicht mehr wo wir sind. Aber Kubax schien sich sicher zu sein. Es war als würde man uns beobachten und verfolgen. Kubax sah wieder ein Licht und folgt ihm, immer tiefer in den Sumpf, so tief das wir kaum noch gehen konnten. Aus dem Licht kam eine Gestalt auf uns zu, eine hübsche Frau die sich schnell in ein Knochengerüst verwandelte und nach uns griff.

    Ich sah um uns herum dunkle Gestalten die immer näher kamen und zog an Kubax, um ihn aus dem Sumpf zu ziehen. Wir fingen wir an zu laufen, bis wir festen Boden unter den Füßen hatten. Dann packte mich eine Baumwurzel und zog mich fort. Als ich aufblicke sah ich wieder das Leuchten und es war Reo der vor mir stand und Kubax kam direkt hinter mir her und sah ihn auch.

    Ja Reo lebt. Und er sieht anders aus als früher, keine Schmutzige graue Robe mehr sondern ganz in weiß. Auch sein Bart ist kürzer und sein Stab ganz weiß. Wie er wieder zu uns gelangte und was passiert war kann er dir selber berichten. Reo sprach wie immer in Rätseln zu uns. Aber so viel war klar: Es war nicht mehr Reo, der vor uns stand, sondern Avalarion, der zurückgekehrt war.

    Avalarion führte uns ohne große Mühe aus den Sümpfen hinaus. Wir gingen zurück zur Taverne weckten euch und zogen wenig später weiter nach Gareth.

    In Gareth angekommen, brachten wir dich in die alte Residenz zu Thorn Eisinger und bat ihn, dich zu pflegen. Am gleichen Abend zogen Baeromar, Kubax, Avalarion und ich weiter. Baeromars Wunsch war es, dich in Gareth zu lassen.

    Ich hoffe, dass du wieder Gesund bist wenn wir nach Gareth zurückkehren. Reise uns bitte nicht alleine hinterher, es ist viel zu gefährlich. Und niemand weiß wo wir uns befinden. Helfe lieber in Gareth. Jede Hand kann gebraucht werden. Und ich habe ein Ritter, einen Zauberer und einen Zwerg bei mir, auf die ich aufpasse und die auf mich aufpassen.

    Du wirst mir auf der Reise fehlen.

    In Liebe,

    Deine Lynn"

    „Das Buch der Liebe ist lang und langweilig. Es ist so schwer, dass niemand es tragen kann. Es ist voller Zahlen und Fakten, Bildern und einer Anleitung zum Tanzen. Vor allem aber stehen Dinge in im Buch der Liebe für die wir alle zu jung sind, um sie zu verstehen. Und er wird es lieben, wenn sie ihm aus dem Buch vorliest."
    - Gehört in einer Taverne in Silkwiesen im Spätsommer 1028 BF. 

    „Und ich sage euch, der weiße Wanderer verzauberte uns! Jawohl! Nein, einen Zauber habe ich nicht gehört. Aber es muss ein Zauber gewesen sein. Denn wir schliefen alle bis zum Morgengrauen. Als wir aufwachten, waren alle fort. Niemand war mehr dort. Es kann nur finsterste Zauberei gewesen sein.

    Nun gut, ich werde ganz vorne anfangen. In Gallys wurde ich von einem Zwerg befreit, der eben kein Zwerg war, sondern ein Zauberer. Ja, ich war auf verwirrt und konnte es erst nicht glauben. Ich saß in einem Schandkäfig am Markt fest, wo soeben eine Doppelgängerin von Rohaja blutig getötet wurde. Aus Gründen, die ich damals noch nicht verstand, befreite der Zauberer mich. Ich verließ darauf sofort Gallys. Einige Zeit später stießen der Zauberer in seiner wahren Gestalt und seine Gefährten zu uns. Dort waren ein stattlicher Ritter, ein Zwerg, der gar seltsam roch, und ein junges Mädchen, das mir immer wieder sehr abwesend schien. Zusammen nahmen wir die Spur auf und reisten immer näher an die schwarze Sichel heran. Irgendwann erreichten wir diese Lichtung. Und dort verzauberte uns der Weiße. Hach, wenn ich doch nur auf meine Mutter gehört hätte..."
    - Aus dem Verhör eines gefangenen Söldners, Sommer 1028 BF. 

    „[...] Gemeinsam, niemals einsam. So wanderten wir in Richtung der Wildermark. Wir schlugen einen Pfad abseits ein, um Häschern des Feindes zu entgehen. Denn dieser Tage war beinahe ein jeder unser Feind. So versteckten wir uns mit einer Nebelwand vor reisenden Golgariten, denn wir wussten erst nicht, wen wir sahen.

    [...] Zusammen mit den vermeintlichen Soldaten erreichten wir die Lichtung. Und was ich dort in der Hütte fand, war ein Anblick, den meine Augen schon lange nicht mehr blicken durften. Ein junger Mann namens Garvin hatte sich doch tatsächlich unter eine Falltür im Boden versteckt. Aber das war es nicht, nein. In seinen Armen hielt er einen Knaben, wenige Monate alt: Albiron."

    [...] So ließen wir Lynn und den guten Kubax am Rande des Waldes zurück. Baeromar und ich machten uns auf in Richtung der Mine. Baeromars Plan war gut und durchdacht. Im vollen Gestech und hoch zu Ross ritt er voran. Wir wurden sogleich zum Kommandanten vorgelassen. Der alte bärbeißige Mann schien unter einer Lähmung zu leiden, machte aber keinerlei Anstalten, sich unserer Sache in den Weg zu stellen. Er gab Befehl, uns Türen und Tore zu öffnen, auf dass wir nach unserer Person suchen konnten.

    [...] Schwer vorzustellen, dass in diesem gar finsteren Loch Menschen lebten. Nachdem das große Tor schwerfällig hinter uns ins Schloss gefallen war, wurde mir einmal mehr bewusst, welch Glück es war, das Tageslicht sehen zu können.

    [...] Nach einer ganzen Ewigkeit fanden wir eine kümmerliche Gestalt. Doch sie lebte. Rohaja war gefunden. Jetzt mussten wir sie nur noch zurück an die Oberfläche bringen. Zusammen mit den anderen Gefangenen fassten wir einen Plan. Ein Aufstand musste her. So schmolz ich das große Portal am Eingang zum Stollen, während eine zweite Gruppe den Schlund hinaufkletterte. Doch was uns oben erwartete, sollte unseren bisherigen Erlebnissen im Schrecken und Schmerz in nichts nachstehen."
    - Auszug aus: Die Saga Aventuriens, Kapitel V: Das Jahr des Feuers.

    „[...] All diese Dinge werden für dich schwer zu verstehen sein. So war ich tot und dennoch lebe ich. Ich fiel in die Dunkelheit und kam doch als Licht zurück. Eines Tages, wenn Du deinen eigenen Pfad beschritten hast und an seinen Ende angekommen bist, wirst du es verstehen, warum ich nicht bleiben konnte. Bitte verzeih mir, Helvetian. Niemand, den Du liebst, ist tot."
    - Aus einem Brief, gefunden hinter einem Holzschild im Lowanger Turm in Angbar, 1052 BF.

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